Hast Du Dich auch schon einmal von einem Freund oder einer Freundin getrennt oder denkst gerade darüber nach? Es fällt uns fast so schwer wie bei einer Trennung in einer Beziehung, uns von Freunden zu verabschieden. Und wie auch bei einer Partnerschaft, gibt es auch bei Freunden niemanden anderen als Dich selbst, der wirklich beurteilen kann, was das Richtige ist. So richtig die Antwort „Hör‘ auf Dein Herz“ ist, einfach ist es trotzdem nicht.

Letzte Woche wurde ich als Expertin zu dem Thema in der GRAZIA # 50 interviewt. Hier habe ich Euch noch ein paar weitere Gedanken dazu aufgeschrieben. Viel Spaß beim Lesen!

Ich selbst habe im letzten Jahr eine wunderbare Freundin fürs Leben gewonnen. Obwohl es kurzzeitig nicht danach aussah. Nachdem wir uns ein paar Wochen kannten, wurde unsere Freundschaft durch ein Missverständnis auf eine harte Probe gestellt. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Freundschaft diese Zeit vor Allem überstanden hat, weil wir beide in der Lage waren für uns selbst gerade zu stehen. Ich habe mich klar positioniert – für mich selbst – und ihr damals gesagt, wie es mir damit geht, wie ich mich fühle und warum ich das nicht in meinem Leben haben will. Für die Kürze unserer Freundschaft war es vermutlich ungewohnt, sich so sehr zu öffnen. Ich gebe zu, es ist mir damals nicht leicht gefallen, das Gespräch zu führen und für mich einzustehen. Und ich bin bis heute unglaublich dankbar, dass meine Freundin mir mit einem ebenso offenen Herz und einer klaren Haltung begegnet ist. Heute ist sie als wichtiger Spiegel, Kritiker und vor Allem Unterstützer nicht mehr aus meinem Leben weg zu denken.

Soziale Beziehungen sind laut dem Konzept der Integrativen Therapie von Hilarion Petzold eine der fünf Säulen unserer Identität. Jeder von Euch kennt bestimmt den Spruch „Familie kann man sich nicht aussuchen“.  So schwer es manchmal sein mag, in seiner Familie für sich selbst einzustehen oder sich auch immer wieder zu versöhnen – oft ist die Herkunftsfamilie unser bester Lehrmeister, wenn es darum geht, in Beziehung zu gehen. Und hat auch Einfluß darauf, wie wir in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen für uns einstehen und uns abgrenzen. Aber das ist ein Thema für ein anderes Mal.

Auch bei Kollegen oder sogar in unserer Freizeit sind wir immer wieder mit Menschen konfrontiert, denen wir lieber aus dem Weg gehen oder mit denen wir privat keine Zeit verbringen wollen. Bis wir entscheiden, sie näher an uns heran zu lassen.

Freunde sind dagegen die Menschen in unserem Leben, die wir uns aussuchen. Nicht nur können, sondern die wir uns wirklich aussuchen. Wir entscheiden uns unbewusst oder bewusst für eine Beziehung mit diesen Menschen. In den meisten Fällen fangen Freundschaften damit an, dass wir uns für die gleichen Sachen begeistern, die gleichen Fähigkeiten haben oder gerne die gleichen Dinge unternehmen. Wir teilen unsere Zeit, unsere Erfahrungen und vertrauen uns einander an.

Unsere Freunde sind die Menschen, die immer noch da sind, wenn wir einfach nur sind. Wenn wir im Leben straucheln, wenn wir Fehler machen, wenn wir lernen.
Es kommt aber auch hin und wieder der Moment, wo wir bei unseren Freunden Verhaltensweisen oder Haltungen erkennen, die wir nicht teilen. Nicht immer muss man mit dem anderen einer Meinung sein, nicht immer muss dem anderen immer gefallen, was man sagt. Auch dafür sind Freunde da. Sie sind nicht nur guter Zuhärer und die Schulter, an der wir uns ausheulen können, sie sind auch nicht nur diejenigen, die unser Selbstwertgefühl stärken oder uns weniger einsam fühlen lassen. Sie sind mitunter auch diejenigen, die uns aus unserer Komfortzone herausstupsen. Die uns einen Spiegel vor Augen halten und einen Realitätscheck mit uns machen – sei es unser Outfit oder wie sich jemand drittes uns gegenüber verhält, unsere Freunde sind immer auf unserer Seite. Wir können uns auf sie verlassen.

Und hier kommt der Knapckpunkt. Dann gibt es die Momente, wo unsere Freunde sich gegen uns stellen. Wo sie sich selbst einen Vorteil einfahren und unsere Gefühle dabei nicht beachten. Wo sie uns verbal verletzen oder sogar hinter unserem Rücken schlecht reden. Oder uns keine Aufmerksamkeit schenken – uns in einer Auseinandersetzung nicht zuhören oder bei einem Treffen ständig mit ihrem Smart Phone beschäftigt sind.

Längere Freundschaften zeichnen sich vor Allem dadurch aus, dass man dem anderen schon einmal verziehen hat. Dazu muss es aber auch eine Gelegenheit geben. Und um zu erkennen, dass es etwas zu verzeihen gibt, muss man ehrlich zu seich selbst sein und seinen eigenen Gefühlen Beachtung schenken. Warum fühle ich mich verletzt, warum fühle ich mich hintergangen oder belogen? Es ist für das Fortbestehen der Freundschaft dann unerlässlich, für sich selbst einzustehen und den Freund oder die Freundin in einem Gespräch damit zu konfrontieren. Nur so kann man diese Dinge ansprechen und nur dann ist Verzeihen eine Alternative.

Neulich habe ich einen sehr schönen Spruch dazu gelesen: While standing up for yourself you cannot carry someone else. Das ist bestimmt das schwierigste in einer Beziehung oder Freundschaft. Da ist die Angst, den anderen zu verlieren, die Erinnerung an soviele schöne Momente und dass diese bald wieder zurückkehren oder schlichtweg das fehlende Selbstbewusstsein, für sich selbst einzustehen.

Wenn man sich selbst einen Ruck gibt, ist es doch ganz schön einfach: Wenn Deine Freundin oder Dein Freund sich nicht wie einer verhält, ist sie / er nicht Deine Freundin / Dein Freund. Wenn Du sie oder ihn auf die Situation ansprichst, wird sie oder er Dich verstehen und auf Dich eingehen. Und in Zukunft darauf achten, dass das nicht wieder vorkommt.
Ist das nicht der Fall, wird es Dir womöglich auch leichter fallen, Dich aus der Freundschaft zu verabschieden – ob durch ein klärendes Gespräch, per Email oder einfach, weil Du Dich zurückziehst. Du hast ein Recht darauf, Dich darum zu kümmern, dass es Dir gut geht. Das brauchst Du niemandem erklären oder rechfertigen. Sei stolz auf Dich, wenn Du so eine Entscheidung triffst, sie wird sich gut anfühlen und Raum für neue Menschen in Deinem Leben machen.

Oder wie Charlie Chaplin sagte: As I began to love myself I freed myself of anything that is no good for my health – food, people, things, situations, and everything the drew me down and away from myself. At first I called this attitude a healthy egoism. Today I know it is “LOVE OF ONESELF“.